Tarsale Coalitio: Wenn der «Plattfuß« in Wirklichkeit eine angeborene Knochenverbindung ist
Kurz zusammengefasst
Was es ist: Eine anlagebedingte knöcherne, knorpelige oder bindegewebige Verbindung zwischen Fußwurzelknochen – die Beweglichkeit einschränkt und oft als Plattfuß fehlgedeutet wird.
Typische Patienten: Jugendliche und junge Erwachsene mit »steifem Plattfuß«, Schmerzen bei unebenem Untergrund und eingeschränkter Rückfußbeweglichkeit.
Diagnose: Im konventionellen Röntgen fast unsichtbar – DVT ist der entscheidende diagnostische Schritt.
Drei operative Strategien: Resektion + gleichzeitige Plattfuß-Korrektur / Resektion + zweitzeitige Plattfuß-Korrektur / Coalitio belassen und Plattfuß «drumherum» korrigieren – je nach Befund und Gelenksituation.
Nicht jeder Plattfuß ist ein Plattfuß. In unserer Sprechstunde taucht regelmäßig eine Situation auf, die auf den ersten Blick vertraut wirkt: ein Patient – oft ein Jugendlicher oder junger Erwachsener – mit einer Plattfußfehlstellung, Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit. Röntgenbilder liegen vor, Einlagen wurden angepasst, Physiotherapie wurde versucht. Und doch bleibt die Situation unbefriedigend.
Was in solchen Fällen regelmäßig fehlt: der Blick auf die eigentliche Ursache. Denn hinter dem Bild eines «steifen Plattfußes« mit eingeschränkter Rückfußbeweglichkeit steckt nicht selten eine Tarsale Coalitio – eine anlagebedingte Verbindung zwischen Fußwurzelknochen, die im konventionellen Röntgen fast unsichtbar ist und deshalb oft jahrelang übersehen wird. Wer diese Diagnose nicht kennt oder nicht aktiv sucht, behandelt das falsche Problem.
Was ist eine Tarsale Coalitio?
Eine Tarsale Coalitio ist eine anlagebedingte, in der Embryonalentwicklung entstandene Verbindung zwischen zwei oder mehr Fußwurzelknochen. Diese Verbindung kann knöchern fest (Synostose) oder knorpelig-bindegewebig (Synchondrose) sein – mit entsprechend unterschiedlichen Konsequenzen für Beweglichkeit und Schmerz. Je verknöcherter die Verbindung, desto starrer der Rückfuß.
Die zwei häufigsten Typen:
- Calcaneonaviculare Coalitio: Verbindung zwischen Fersenbein und Kahnbein – der häufigste Typ, oft schon im Jugendalter symptomatisch.
- Talocalcaneare Coalitio: Verbindung zwischen Sprungbein und Fersenbein, häufig im mittleren Gelenkdrittel (mittlere Facette) – technisch anspruchsvoller in Diagnostik und Behandlung.
Beide Typen führen durch die eingeschränkte Beweglichkeit im Rückfuß zu einem charakteristischen Gangbild und häufig zu einer Plattfußfehlstellung – die jedoch eine andere Ursache und eine andere Therapie erfordert als der klassische Knick-Plattfuß durch Tibialis-posterior-Insuffizienz.
Wann wird eine Tarsale Coalitio symptomatisch?
Die meisten Coalitiones sind in der Kindheit noch asymptomatisch. Symptome entstehen typischerweise in der Adoleszenz – zwischen dem 8. und 16. Lebensjahr – wenn die knorpelige Verbindung beginnt, knöchern durchzubauen und die Beweglichkeit des Rückfußes zunehmend einschränkt. Bei Erwachsenen kann eine bis dahin symptomlose Coalitio durch Überlastung, einen Unfall oder sekundäre Arthroseentwicklung erstmals auffällig werden.
Typisches Beschwerdebild:
- Schmerzen bei Laufen auf unebenem Untergrund – der Rückfuß kann die Unebenheiten nicht ausgleichen
- Steifer, kaum federnder Rückfuß – oft als «holziger Gang« beschrieben
- Sichtbare Plattfußfehlstellung, die sich jedoch unter manueller Korrektur wenig oder gar nicht verändern lässt
- Schmerzen lateral am Fuß durch kompensatorische Überlastung der Peronealsehnen (»Peronealspasmus«)
- Wiederkehrende Schmerzen trotz Einlagen und Physiotherapie ohne klare Besserungstendenz
Ein klinischer Hinweis, der aufhorchen lassen sollte: Wenn die Ferse bei der Untersuchung im Zehenstand kaum in Varusposition zu bringen ist, der sogenannte Jack-Test auffällig ist und gleichzeitig eine Plattfußfehlstellung besteht, muss eine Tarsale Coalitio aktiv ausgeschlossen werden.
Warum die Diagnose so häufig verzögert wird – und welche Bildgebung entscheidet
Das konventionelle Röntgen zeigt eine knöcherne Coalitio im günstigsten Fall als indirektes Zeichen – etwa den sogenannten «Anteater-Sign« bei der calcaneonavicularen Form oder das „C-sign“ bei talocalcanearer Coalitio. Knorpelige und bindegewebige Coalitiones hingegen sind im Röntgen fast unsichtbar. Das Ergebnis: Patienten werden über Jahre mit Einlagen und Physiotherapie behandelt, während die eigentliche Diagnose aussteht.
Die Digitale Volumentomografie (DVT) ist hier das entscheidende diagnostische Werkzeug. Sie zeigt Coalitiones präzise in 3D, ohne Überlagerungsartefakte, und unter Belastung. Was im Röntgen allenfalls als vager Verdacht erscheint und oft aufwändige Zusatzaufnahmen verlangt, ist in der DVT eindeutig darstellbar: Lage, Ausdehnung, Typ der Brücke und – entscheidend für die Therapieplanung – der Zustand der umliegenden Gelenke.
Das MRT glänzt vor allem bei unvollständigen knorpeligen und bindegwebigen Coalitiones und ergänzt bei Bedarf den Weichteilbefund: Entzündungszeichen, Ödembildung im Knochen und der Zustand der Tibialis-posterior-Sehne, die durch die veränderte Biomechanik ebenfalls belastet sein kann. Mit dem MRT lässt sich oft klären, ob wirklich die Coalitio Beschwerden auslöst – oder ob noch eine andere relevante Diagnose in Frage kommt.
Diagnostik bei Verdacht auf Tarsale Coalitio
DVT (Pflicht): 3D-Darstellung der Coalitio, Beurteilung von Typ und Ausdehnung, Arthrosegrad der umliegenden Gelenke, Fussstatik unter Belastung – Grundlage der Therapieentscheidung.
MRT (Pflicht): Darstellung der knorpeligen und bindegewebigen Anteile der Coalitio, sowie von Entzündungszeichen, möglichen Sehnen-Schäden oder unklarer Weichteilsituation. Zwingend vor jeder OP, um Differentialdiagnosen sicher auzuschließen
Röntgen: Nur als grobe Orientierung sinnvoll, z.B. wenn die erste ärztliche Konsultation nicht bei einem Fußspezialisten erfolgt – für sich allein nicht ausreichend zur Diagnose oder Therapieplanung.
Konservative Therapie: Wann sie sinnvoll ist – und wann nicht
Bei milder Symptomatik, noch flexibler Fehlstellung und fehlenden Arthrosezeichen kann ein konservativer Therapieversuch sinnvoll sein – vor allem bei jüngeren Patienten, bei denen die Coalitio noch nicht vollständig knöchern durchgebaut ist. Ziel ist eine Beschwerdelinderung durch Belastungsreduktion, nicht die Beseitigung der Coalitio selbst. In Frage kommen angepasste Einlagen zur Druckentlastung, Physiotherapie zur Muskelkräftigung und ggf. eine vorübergehende Ruhigstellung bei akuter Schmerzsymptomatik.
Was konservative Therapie nicht leistet: die biomechanische Einschränkung durch die Coalitio beseitigen oder den Fortschritt sekundärer Arthroseschäden aufhalten. Wenn Beschwerden trotz konsequenter konservativer Behandlung persistieren oder die Fehlstellung progredient ist, ist die operative Therapie der nächste Schritt.
Operative Therapie: Drei Strategien – je nach Befund
Anders als beim klassischen Knick-Plattfuß gibt es bei der Tarsalen Coalitio keine eine richtige operative Antwort. Die Entscheidung hängt von drei Faktoren ab: Typ und Ausdehnung der Coalitio, Zustand der umliegenden Gelenke – insbesondere Arthrosegrad – und dem Ausmaß der begleitenden Plattfußfehlstellung. Daraus ergeben sich drei Strategien, die alle gleichwertige Optionen sind:
| Strategie | Typische Situation | Wesentliche Schritte |
| Coalitio-Resektion + gleichzeitige Plattfuß-Korrektur | Coalitio mit relevanter Bewegungseinschränkung, Plattfuß flexibel (nach Resektion der Coalitio), Patient noch jung / Gelenke arthrosearm | Resektion der Coalitio, Interposition Muskelgewebe, kombinierte Osteotomie in selber Sitzung |
| Coalitio-Resektion, dann zweitzeitig Plattfuß-Korrektur | Coalitio symptomatisch, Plattfuß-Korrektur komplex oder Gesamtsituation unklar – erst Wirkung der Coalitio- Resektion abwarten | Zweischrittiges Vorgehen, typischerweise 6–12 Monate zwischen den Eingriffen |
| Coalitio belassen, Plattfuß-Korrektur «drumherum» | Coalitio knöchern durchgebaut, Gelenke kompromittiert – Resektion wäre riskanter als Belassen | Plattfuß-Korrektur (Osteotomie, Arthrodese) unter Berücksichtigung der fixierten Koalition als Teil der Anatomie |
Strategie 1: Coalitio-Resektion mit gleichzeitiger Plattfuß-Korrektur
Wenn die Coalitio die Hauptursache der Fehlstellung ist, die Gelenke noch weitgehend arthrosearm sind und der Patient jung genug ist, kommt eine kombinierte Versorgung in einer Sitzung in Frage: Die knorpelige oder bindegewebige Brücke wird reseziert und der entstehende Spalt mit Muskelinterposition ausgefüllt, um ein erneutes Zusammenwachsen zu verhindern. Gleichzeitig wird die Plattfußfehlstellung knöchern korrigiert – je nach Befund durch Fersenosteotomien und Vorfusskorrekturen.
Voraussetzung für dieses Vorgehen ist, dass die Resektion technisch sicher möglich ist und die Gelenke noch eine Korrektur erlauben. Die DVT-Bildgebung ist hier die Planungsgrundlage.
Strategie 2: Resektion der Coalitio, dann zweitzeitig Plattfuß-Korrektur
Bei komplexeren Befunden – oder wenn unklar ist, wie der Fuß nach Resektion der Coalitio reagiert – ist ein zweizeitiges Vorgehen die sicherere Wahl. Im ersten Eingriff wird die Coalitio reseziert und die Interposition durchgeführt. Nach einem Beobachtungsintervall von typischerweise 6 bis 12 Monaten, in dem sich der Fuß an die neue Biomechanik anpasst, wird in einem zweiten Eingriff entschieden, ob und welche zusätzliche Plattfuß-Korrektur nötig ist.
Dieses Vorgehen vermeidet, dass eine Korrektur auf Basis eines Befunds geplant wird, der sich durch die Resektion noch verändern wird.
Strategie 3: Coalitio belassen und Plattfuß «herum» korrigieren
Nicht jede Coalitio muss reseziert werden. Wenn die Verbindung bereits vollständig knöchern durchgebaut ist, die Gelenke in der Umgebung arthrotisch verändert sind oder das Resektionsrisiko den erwarteten Nutzen übersteigt, ist es manchmal die bessere Entscheidung, die Coalitio als fixierten anatomischen Befund zu akzeptieren und die Plattfußkorrektur um sie herum zu planen. Das bedeutet: Osteotomien, Arthrodesen oder Kombinationen werden so gewählt, dass die vorhandene Coalitio Teil der neuen Fussarchitektur wird – nicht ihr Hindernis.
Diese Strategie erfordert besondere Planungstiefe und setzt eine präzise 3D-Bildgebung voraus – denn ohne genaue Kenntnis von Lage und Ausdehnung der Coalitio lässt sich kein sinnvoller Korrekturplan entwickeln.
Besonderheit Wachstumsalter: Warum der Zeitpunkt zählt
Die entscheidende Besonderheit der Tarsalen Coalitio im Wachstumsalter liegt nicht im Typ der Verbindung – auch eine knöcherne Coalitio kann bereits im Kindesalter vorliegen – sondern in einem grundlegenden biomechanischen Problem: Die Coalitio wächst nicht mit. Während der umliegende Fuß wächst und sich verändert, bleibt die Verbindung zwischen den Knochen fix. Genau dadurch entsteht in vielen Fällen erst die klinisch relevante Fehlstellung: Der wachsende Fuß passt sich um eine starre Struktur herum an – mit zunehmend ungünstigen Konsequenzen für Statik und Gelenkbelastung.
Symptome treten deshalb oft nicht von Beginn an auf, sondern entwickeln sich im Verlauf eines Wachstumsschubs – wenn die Fehlstellung durch den um die fixierte Coalitio herumwachsenden Fuß immer größer wird.
Daraus ergibt sich eine wichtige Konsequenz für die Therapieentscheidung im Kindes- und Jugendalter: Nicht jede Coalitio muss sofort behandelt werden. Flexible Coalitiones ohne schwere Fußfehlstellung und ohne relevante Beschwerden können zunächst beobachtet werden. Entscheidend ist dabei jedoch eine engmaschige ärztliche Kontrolle während der Wachstumsschübe, in denen sich die Situation innerhalb weniger Monate verändern kann. Aus einem beschwerdefreien Befund kann in kurzer Zeit ein behandlungsbedürftiger werden.
Für Eltern bedeutet das: Eine Tarsale Coalitio im Kindesalter, die heute keine Behandlung erfordert, braucht trotzdem einen festen Kontrollplan – und keine einmalige Entwarnung.
Häufige Fragen (FAQ) zur Tarsalen Coalitio
Ist eine Tarsale Coalitio erblich?
Eine familiäre Häufung ist bekannt – die Coalitio gilt als anlagebedingt. Ob ein Elternteil mit Coalitio automatisch ein Kind mit derselben Anlage bekommt, lässt sich nicht sicher vorhersagen. Bei auffälligem Gang oder steifem Plattfuß eines Kindes in betroffenen Familien ist eine frühzeitige Abklärung sinnvoll.
Kann die Coalitio von alleine verschwinden?
Nein. Eine einmal angelegte Verbindung zwischen Knochen bildet sich nicht spontan zurück. Was sich ändern kann: die Symptomatik – manche Coalitiones bleiben lebenslang beschwerdearm, andere werden progredient symptomatisch. Eine asymptomatische Coalitio braucht nur in Ausnahmefällen eine Behandlung; eine symptomatische Coalitio hingegen braucht einen klaren Behandlungsplan.
Kann ich mit einer Tarsalen Coalitio Sport treiben?
Das hängt stark vom Typ, der Ausprägung und dem bisherigen Verlauf ab. Viele Patienten mit Coalitio treiben problemlos Sport – bis das Belastungsniveau eine bestimmte Schwelle überschreitet. Sportarten mit häufigen Richtungswechseln, unebenem Untergrund oder hoher Rückfußbelastung (z. B. Mannschaftssport, Laufen auf Wald- und Feldwegen) sind typischerweise die ersten, die Beschwerden auslösen.
Was passiert, wenn die Coalitio nicht behandelt wird?
Eine nicht behandelte, symptomatische Coalitio führt über die Jahre zu sekundären Veränderungen: Arthrose in den betroffenen und benachbarten Gelenken, zunehmende Fehlstellung und Verschlechterung der Gangmechanik. Das verengt die späteren Therapieoptionen erheblich.
Weiterführende Informationen
→ Schwerer Knick-Plattfuß: Ursachen, Diagnostik und operative Behandlung
Der vollständige Überblick über Stadien, Therapiebausteine, OP-Methoden und Nachbehandlung.
→ Plattfuß-Diagnostik: Warum konventionelles Röntgen oft nicht ausreicht
Warum DVT bei Verdacht auf Tarsale Coalitio der entscheidende diagnostische Schritt ist.
→ Plattfuß: Wann konservativ, wann Operation?
Entscheidungshilfe mit Warnsignalen und Befundkriterien – auch relevant für Coalitio-Patienten.
→ Tibialis-posterior-Syndrom & PCFD
Die häufigste Ursache des schweren Knick-Plattfußes – und wie sie sich von der Coalitio unterscheidet.
Einen steifen Plattfuß abklären lassen
Wenn Sie oder Ihr Kind einen steifen Plattfuß haben, der auf Einlagen und Physiotherapie nicht befriedigend anspricht – oder wenn die Diagnose bisher nicht eindeutig war: Wir klären das mit einer gezielten Untersuchung und, wenn indiziert, einer DVT-Bildgebung noch am selben Tag. Sie verlassen die Praxis mit einem klaren Befund und einem klaren Plan.
Termin vereinbaren:
Tel. 030 – 34 39 59 47 | anmeldung@ortho-pede.de | Online-Terminvereinbarung
Hinweis: Die Informationen auf dieser Seite dienen der Orientierung und ersetzen keine individuelle ärztliche Untersuchung, Beratung oder Anweisung.
Inhalt medizinisch kontrolliert von: Dr. med. Stefan Böhr, Ärztlicher Leiter & Inhaber, Zentrum für Fuß & Sprunggelenk in Berlin
Letztes Update: 22-02-2026