Müssen die Schrauben nach einer Hallux-Valgus-OP wieder entfernt werden?
Kurzantwort: In den meisten Fällen nicht. Verwendet der Operateur resorbierbare Magnesium-Schrauben, baut der Körper sie im Verlauf selbst ab – eine zweite Operation allein zur Materialentfernung entfällt dann in der Regel. Bei Titan-Schrauben, wie sie unter anderem beim rein perkutanen MICA-Verfahren zum Einsatz kommen, verbleibt das Material dauerhaft im Knochen; in einem Teil der Fälle wird später eine Entfernung nötig. Ob bei Ihnen überhaupt Material entfernt werden muss, hängt vor allem vom verwendeten Schraubentyp und der gewählten OP-Methode ab.
Inhaltsverzeichnis
- Warum bei einer Hallux-Valgus-OP überhaupt Schrauben nötig sind
- Resorbierbare Magnesium-Schrauben: meist keine zweite Operation
- Magnesium oder Titan – was es für eine spätere Entfernung bedeutet
- Welche Rolle die OP-Methode für eine Materialentfernung spielt
- Wenn das Material später stört
- Häufige Fragen zu Schrauben und Materialentfernung bei Hallux valgus
- Fazit
- Literatur
Warum bei einer Hallux-Valgus-OP überhaupt Schrauben nötig sind
Bei einer Hallux-Valgus-Korrektur wird der Knochen gezielt durchtrennt (Osteotomie) und in die richtige Stellung gebracht. Damit der Fuß wieder gerade zusammenwächst, muss diese neue Position gehalten werden, bis der Knochen vollständig verheilt ist – das dauert je nach Verfahren mehrere Wochen. Genau dafür sind Schrauben da: Sie fixieren die korrigierte Stellung stabil und sorgen dafür, dass der Knochen in der gewünschten Position ausheilt.
Diese stabile Fixierung ist kein Detail, sondern entscheidend für das Ergebnis. Hält die Korrektur nicht zuverlässig, kann der Knochen in einer ungünstigen Stellung verheilen oder die Fehlstellung mit der Zeit zurückkehren. Die eigentliche Frage für Sie als Patient ist deshalb nicht, ob fixiert wird, sondern womit – und genau hier unterscheiden sich die Materialien deutlich.
Resorbierbare Magnesium-Schrauben: meist keine zweite Operation
Eine resorbierbare Magnesium-Schraube hält die korrigierte Stellung während der Heilung genauso stabil wie eine herkömmliche Schraube. Der entscheidende Unterschied zeigt sich danach: Über die folgenden Monate baut der Körper das Magnesium schrittweise ab, an seine Stelle tritt körpereigener Knochen. Die Schraube erfüllt also ihre Aufgabe, solange der Knochen sie braucht – und verschwindet anschließend von selbst.
Weil kein dauerhaftes Fremdmaterial im Knochen zurückbleibt, gibt es auch nichts, das später entfernt werden müsste. Studien zu Magnesiumschrauben bei offenen bzw. distalen Chevron-Osteotomien bestätigen das: Eine spätere Material- oder Implantatentfernung war in den untersuchten Magnesiumgruppen meist nicht erforderlich (Windhagen H, et al., Biomed Eng Online, 2013; Plaass C, et al., J Orthop Res, 2016; Acar B, et al., Biomed Res Int, 2018). Die sonst übliche zweite Operation zur Materialentfernung entfällt damit in aller Regel.
Manche Patientinnen und Patienten hören von Methoden, die ganz ohne Schrauben oder Implantate auskommen – ein verständlicher Wunsch, wenn man kein Metall im Fuß behalten möchte. Solche fixierungsfreien Verfahren haben durchaus ihren Platz: An den Kleinzehen setzen wir sie selbst sehr erfolgreich ein. Für die eigentliche Korrektur der Großzehe sind sie dagegen nicht das Standardvorgehen – und das aus einem sehr praktischen Grund: Der durchtrennte Mittelfußknochen muss früh wieder Belastung aufnehmen können. Ohne stabile Fixierung müssten Sie den Fuß über 6 bis 8 Wochen vollständig entlasten – das möchte verständlicherweise niemand. Die resorbierbare Magnesium-Schraube löst beides zugleich: Sie fixiert stabil genug für eine frühe Belastung und baut sich danach vollständig ab. Sie müssen also weder lange entlasten noch dauerhaft Metall im Fuß behalten.
Magnesium oder Titan – was es für eine spätere Entfernung bedeutet
Titan ist ein bewährtes, sehr stabiles Material und seit Langem Standard in der Knochenchirurgie. Anders als die Magnesium-Schraube löst sich Titan jedoch nicht auf – es verbleibt nach der Heilung dauerhaft im Knochen. Wird die Schraube spürbar, etwa weil sie prominent liegt und im Schuh oder beim Abrollen reizt, kann eine Entfernung notwendig werden. Das bedeutet einen zweiten Eingriff.
Besonders relevant ist das beim rein perkutanen MICA-Verfahren. In der systematischen Übersichtsarbeit von Gonzalez lag die Rate an Materialentfernungen nach dem Shannon-Burr-Verfahren bei 6,2 % (Gonzalez T, et al., Foot Ankle Orthop, 2023). Kommt es zu einer solchen Entfernung, ist der Eingriff zudem oft technisch aufwändig – und die dafür nötige Narbe kann größer ausfallen als die der ursprünglichen, eigentlich minimalinvasiven Operation.
Das heißt nicht, dass Titan grundsätzlich die schlechtere Wahl wäre – es kommt auf den Ort an. Wir setzen Titan selbst dort ein, wo seine Materialeigenschaften gebraucht werden, etwa bei Osteotomien am Fersenbein, das deutlich stärker belastet wird. Magnesium ist vergleichsweise spröde und eignet sich nicht für jede Belastungssituation. Am Vorfuß, wo die Hallux-Valgus-Korrektur stattfindet, ist das jedoch kein Thema: Dort spielt die Magnesium-Schraube ihre Vorteile aus, ohne dass ihre Materialgrenzen ins Gewicht fallen.
Für die Materialentfernung heißt das: Die Wahl des Materials entscheidet maßgeblich darüber, ob überhaupt das Risiko einer zweiten Operation besteht. Die folgende Übersicht stellt beide für den Vorfuß gegenüber:
| Eigenschaft | Resorbierbare Magnesium-Schraube | Titan-Schraube |
|---|---|---|
| Verbleib im Körper | Baut sich nach der Heilung vollständig ab | Verbleibt dauerhaft im Knochen |
| Stabilität & frühe Belastung | Gegeben | Gegeben |
| Zweite OP zur Materialentfernung | In der Regel nicht nötig | In einem Teil der Fälle nötig (nach MICA 6,2 %) |
Beide Materialien fixieren also zuverlässig – der Unterschied liegt in dem, was danach passiert.
Welche Rolle die OP-Methode für eine Materialentfernung spielt
Wie wahrscheinlich eine Materialentfernung ist, hängt auch von der gewählten Operationsmethode ab. Bei den häufigsten gelenkerhaltenden Korrekturen, der Chevron- und der Youngswick-Osteotomie, verwenden wir resorbierbare Magnesium-Schrauben; eine Entfernung ist hier nur in Ausnahmefällen nötig. Auch nach einer Akin-Osteotomie, einer typischen Ergänzung an der Großzehe, ist eine Materialentfernung sehr selten.
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Anders ist es bei der Lapidus-Arthrodese. Sie wird mit einer Platte und einer Zugschraube aus Titan stabilisiert, und hier ist eine spätere Materialentfernung tatsächlich häufiger nötig. Wichtig ist aber: Die Lapidus-Arthrodese wird nicht aus freier Wahl durchgeführt, sondern weil der Befund sie erfordert – etwa bei schwerer Instabilität oder sehr ausgeprägter Fehlstellung. In diesen Fällen gibt es zur stabilen Versteifung keine gleichwertige Alternative; die höhere Wahrscheinlichkeit einer Materialentfernung gehört dann zu den Konsequenzen, die man bewusst in Kauf nimmt. Die Materialfrage steuert die Methodenwahl hier also nicht – der Befund tut es.
Welche Methode für Ihre Fehlstellung in Frage kommt und wie wir sie planen, lesen Sie ausführlich auf unserer Seite zur Hallux-Valgus-Operation.
Wenn das Material später stört
Bisher ging es um die Wahl des Materials vor der Operation. Manchmal stellt sich die Frage nach einer Entfernung aber erst später – etwa wenn eine Titan-Schraube oder eine Platte nach abgeschlossener Heilung im Schuh drückt oder beim Abrollen reizt. In diesem Fall gilt: Nicht jedes Implantat, das stört, muss zwangsläufig entfernt werden. Entscheidend ist, ob die Beschwerden wirklich vom Material ausgehen und ob eine Entfernung sicher möglich ist.
Diese Situation – den sogenannten Materialkonflikt – haben wir auf einer eigenen Seite ausführlich beschrieben: Wann eine Entfernung sinnvoll ist, welche Diagnostik dabei hilft und wie wir vorgehen, lesen Sie unter Materialkonflikt nach Operation.
Häufige Fragen zu Schrauben und Materialentfernung bei Hallux valgus
Geht eine Hallux-Valgus-OP auch ganz ohne Schrauben oder Implantate?
Für die eigentliche Korrektur der Großzehe ist eine stabile Fixierung der Standard – sie ermöglicht, dass der Fuß früh wieder belastet werden kann. Ohne Fixierung wäre eine wochenlange vollständige Entlastung nötig. Wenn Sie kein dauerhaftes Metall im Fuß möchten, ist die resorbierbare Magnesium-Schraube die passende Lösung: stabile Fixierung, die sich danach vollständig auflöst.
Muss ich nach einer Hallux-Valgus-OP mit einer zweiten Operation rechnen?
In den meisten Fällen nicht. Bei den häufigen gelenkerhaltenden Korrekturen mit resorbierbaren Magnesium-Schrauben entfällt die zweite Operation zur Materialentfernung in aller Regel. Häufiger nötig ist sie nur nach einer Lapidus-Arthrodese – die aber gezielt bei schweren oder instabilen Fehlstellungen zum Einsatz kommt.
Sind Magnesium-Schrauben genauso stabil wie Titan-Schrauben?
Während der Heilung halten Magnesium-Schrauben die korrigierte Stellung ebenso zuverlässig wie Titan – eine frühe Belastung des Fußes ist möglich. Der Unterschied zeigt sich erst danach: Das Magnesium baut sich ab, während Titan dauerhaft im Knochen bleibt. Für die Belastungssituation am Vorfuß ist Magnesium bestens geeignet.
Stören Schrauben beim MRT oder am Flughafen?
Resorbierbare Magnesium-Schrauben lösen sich mit der Zeit auf, sodass langfristig ohnehin kein Metall zurückbleibt. Aber auch moderne Titan-Implantate sind in der Regel MRT-tauglich und an Sicherheitskontrollen unproblematisch. Sprechen Sie uns im Zweifel einfach an.
Fazit
Ob nach einer Hallux-Valgus-OP eine zweite Operation zur Materialentfernung droht, entscheidet sich vor allem am verwendeten Material. Mit resorbierbaren Magnesium-Schrauben, die wir am Vorfuß häufig einsetzen, lässt sich genau das in aller Regel vermeiden: stabile Fixierung mit früher Belastbarkeit – und kein dauerhaftes Metall, das später stören könnte. Wo der Befund eine andere Lösung verlangt, etwa eine Lapidus-Arthrodese, wählen wir das Material passend zur Aufgabe und besprechen die Konsequenzen offen mit Ihnen.
Welche Methode und welches Material für Sie sinnvoll sind, klären wir individuell – auf Basis von Untersuchung und 3D-Bildgebung. Vereinbaren Sie dazu gern einen Termin in unserer Privatpraxis ORTHO | PEDE, Zentrum für Fuß und Sprunggelenk – telefonisch unter 030 34 39 59 47 oder direkt über unsere Online-Terminvereinbarung.
Literatur
- Windhagen H, Radtke K, Weizbauer A, Diekmann J, Noll Y, Kreimeyer U, Schavan R, Stukenborg-Colsman C, Waizy H. Biodegradable magnesium-based screw clinically equivalent to titanium screw in hallux valgus surgery: short term results of the first prospective, randomized, controlled clinical pilot study. Biomed Eng Online. 2013;12:62. doi:10.1186/1475-925X-12-62.
- Plaass C, Ettinger S, Sonnow L, Koenneker S, Noll Y, Weizbauer A, Reifenrath J, Claassen L, Daniilidis K, Stukenborg-Colsman C, Windhagen H. Early results using a biodegradable magnesium screw for modified chevron osteotomies. J Orthop Res. 2016;34(12):2207-2214. doi:10.1002/jor.23241.
- Acar B, Kose O, Turan A, Unal M, Kati YA, Guler F. Comparison of Bioabsorbable Magnesium versus Titanium Screw Fixation for Modified Distal Chevron Osteotomy in Hallux Valgus. Biomed Res Int. 2018;2018:5242806. doi:10.1155/2018/5242806.
- Gonzalez T, Encinas R, Johns W, Jackson JB 3rd. Minimally Invasive Surgery Using a Shannon Burr for the Treatment of Hallux Valgus Deformity: A Systematic Review. Foot Ankle Orthop. 2023;8(1):24730114221151069. doi:10.1177/24730114221151069.
Inhalt medizinisch kontrolliert von:
Dr. med. Stefan Böhr, Facharzt für Orthopädie & Unfallchirurgie, Fußchirurg (DAF & GFFC)
Ärztlicher Leiter & Inhaber, ORTHO | PEDE – Zentrum für Fuß & Sprunggelenk Berlin-Zehlendorf
Zuletzt aktualisiert: Juni 2026